Grundlagenpapier Antiziganismus

German version of the "Reference Paper on Antigypsyism"
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Die Allianz gegen Antiziganismus hat 2016 ein Grundlagenpapier zum Thema Antiziganismus herausgegeben. Dieses Grundlagenpapier soll zu einem besseren gemeinsamen Verständnis dieser Form des Rassismus führen, wesentliche Merkmale und Erscheinungsformen beschreiben und dadurch dazu beitragen, europaweit effektive Maßnahmen zur Bekämpfung von Antiziganismus zu entwickeln.

Eine spezielle Form des Rassismus

Antiziganismus ist eine spezielle Form des Rassismus, die sich gegen Roma, Sinti, Fahrende und andere Personen richtet, die von der Mehrheitsgesellschaft als „Zigeuner” bzw. „Zigeunerinnen“ stigmatisiert werden. Obwohl der Begriff Antiziganismus eine zunehmende institutionelle Anerkennung erfährt, gibt es noch kein allgemein anerkanntes Verständnis seiner Bedeutung und seiner Folgen. Dementsprechend fehlt auch eine allgemein akzeptierte Definition von Antiziganismus, die von der Zivilgesellschaft, öffentlichen Institutionen und der Wissenschaft geteilt werden würde.

Antiziganismus wird häufig in einer engen Auslegung verwendet, um gegen Roma und Sinti gerichtete Einstellungen, öffentliche Äußerungen negativer Stereotype oder hate speech, Hassrede, zu bezeichnen. Er umfasst jedoch ein weit größeres Spektrum an diskriminierenden Äußerungen und Handlungsweisen, darunter viele, die nur implizit oder versteckt auftreten: Relevant ist dabei nicht nur, was gesagt oder was getan wird, sondern auch was unterlassen wird.

Fokus auf die Mehrheitsgesellschaft

Es ist zunächst von zentraler Bedeutung, zu verstehen, dass Antiziganismus kein „Minderheitenthema” ist. Es ist ein Phänomen unserer Gesellschaften, dessen Ursprung darin zu suchen ist, wie die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft jene wahrnehmen und behandeln, die sie als „Zigeuner*innen” begreifen. Folglich muss, um Antiziganismus zu bekämpfen, der Fokus auf die Mehrheitsgesellschaft gelegt werden, wobei gleichzeitig die Stimmen jener gehört werden müssen, die systematisch unter Antiziganismus leiden und dadurch häufig zum Schweigen gebracht werden.

Antiziganismus ist weder als die Folge schlechter Lebensbedingungen zu verstehen, in denen viele Roma und Sinti leben müssen, noch ist er ein Resultat dessen, dass Roma und Sinti „ganz anders” seien. Die Annahme, dass eine erfolgreiche Integration von Sinti und Roma etwas gegen Antiziganismus bewirken könne, ist ein Trugschluss, der die Ursprünge und den wahren Kern des Antiziganismus verschleiert. Ursache und Wirkung werden dabei auf den Kopf gestellt. Es ist der Antiziganismus und nicht irgendein gemeinsamer Charakterzug real existierender Roma, der Gesellschaften dazu antreibt, jede beliebige als „Zigeuner*in” imaginierte Person auszuschließen.

Das heißt in der Folge, dass die Bekämpfung der Auswirkungen von Diskriminierung, wie beispielsweise Armut, schlechte Wohnverhältnisse oder unzureichende Bildung, zwar dringend notwendig ist, dass diese Bekämpfung aber nicht zur Beseitigung der Ursache dieser schlechteren sozialen Situation vieler Roma und Sinti beiträgt. Antiziganismus kann daher mit dem Bild eines konstanten starken Gegenwindes verglichen werden. Eine „Roma-Inklusion” bleibt illusorisch, solange dem Gegenwind selbst nichts entgegengestellt wird.

Schließlich zeichnet sich Antiziganismus bis heute durch seine hohe gesellschaftliche Akzeptanz aus. Die moralische Verurteilung, mit der anderen Formen von Rassismus begegnet wird, ist im Fall des Antiziganismus kaum vorhanden. Antiziganismus ist nicht nur weit verbreitet, sondern auch tief in sozialen und kulturellen Normen und institutionellen Praktiken verwurzelt. Antiziganismus spornt rechtsextremistische Einzelpersonen und Bewegungen zu Gewalt und Hassreden an, ist aber in der gesamten Gesellschaft weit verbreitet und wird von staatlichen Institutionen akzeptiert. Die Aufgabe, Antiziganismus zu bekämpfen, wird so schwieriger und dringlicher zugleich.

Arbeitsdefinition

Antiziganismus ist ein historisch hergestellter stabiler Komplex eines gesellschaftlich etablierten Rassismus gegenüber sozialen Gruppen, die mit dem Stigma „Zigeuner” oder anderen verwandten Bezeichnungen belegt werden. Er umfasst

  1. eine homogenisierende und essentialisierende Wahrnehmung und Darstellung dieser Gruppen, [das bedeutet, dass alle so bezeichneten Personen als einander gleich und in ihrer Wesensart als unveränderbar angesehen werden. ]
  2. die Zuschreibung spezifischer Eigenschaften an diese [beispielsweise Kriminalität, Nicht-Arbeiten-Wollen oder Unehrlichkeit]
  3. vor diesem Hintergrund entstehende diskriminierende soziale Strukturen und gewalttätige Praxen, die herabsetzend und ausschließend wirken und strukturelle Ungleichheit reproduzieren.

Der gegenwärtige Antiziganismus ist historisch tief in unseren Gesellschaften verwurzelt. Diskriminierung und Verfolgungen in der Vergangenheit haben fortwährende negative Auswirkungen auf die sozialen, wirtschaftlichen und psychischen Lebensbedingungen von als „Zigeunerinnen“ oder „Zigeuner” verfolgten Menschen und bewirkten außerdem einen Verlust kulturellen Reichtums und von Sprachkenntnissen.

„Wir“ und „die Anderen“

Die Grundlage antiziganistischer Ideologie bildet die Annahme fundamentaler Unterschiede zwischen „uns” und „ihnen”. Die Vorstellung unüberwindlicher Fremdheit wurde einst mit dem Konzept einer „Zigeunerrasse“ begründet. Gegenwärtiger Antiziganismus argumentiert meist nicht mehr mit dem Begriff der „Rasse”, aber er transportiert häufig dasselbe ideologische Konstrukt, indem er einer Gruppe eine absolut andere „Kultur” zuschreibt, die jede und jeden der Angehörigen dieser Gruppe unveränderbar präge. Die „Zigeuner“ werden dabei insbesondere als nicht ausreichend zivilisiert beschrieben, da sie Normen und Werte der Mehrheitsgesellschaft nicht teilten, akzeptierten oder noch nicht ausreichend verinnerlicht hätten. Die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften sind das Gegenbild der Normen und Werte der Mehrheitsgesellschaft, das Bild des Zigeuners hat daher immer auch eine disziplinierende Funktion für die Angehörigen der Mehrheit.

Die durch diese Vorstellungen aus der Gesellschaft ausgesonderten Gruppen und Einzelpersonen werden dadurch auch als weniger wertvoll und als einer Gleichbehandlung unwürdig erachtet. Sie werden nicht als Teil der „Nation“ oder der „Gesellschaft“ gesehen.

Wie bei anderen von Rassismus betroffenen Personen kann es zu einem bewussten Gebrauch solcher Stereotype kommen, z.B. aus ökonomischen Gründen. Eine weitere mögliche Reaktion ist die Internalisierung dieser Zuschreibungen, beispielsweise indem die Vorstellung der eigenen Minderwertigkeit akzeptiert wird oder Klischees zur Selbstbeschreibung verwendet werden.

Erscheinungsformen des Antiziganismus

Eine große Gefahr geht von rechtsextremen Gruppen aus, die häufig eine reale Bedrohung der physischen Unversehrtheit der Betroffenen darstellen. Antiziganismus ist aber nicht auf rechtsextreme Gruppen begrenzt, viele antiziganistische Vorurteile finden in annähernd der gesamten Gesellschaft Zustimmung. Sie müssen deshalb als Teil des Allgemeinwissens verstanden werden, die durch die Alltagssprache und Kulturprodukte wie Musik, Filme, Literatur ebenso verbreitet werden wie durch die Massenmedien oder politische Debatten. Antiziganistische Ideologie ist auch in vermeintlich positiven Zuschreibungen enthalten, das romantische Klischee des „sorgenfreien Zigeuners mit Geige“ hat letztlich dieselbe Bedeutung wie das Bild eines „Sozialschmarotzers“: er lebt nicht – wie die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft – von „harter Arbeit“. Ebenso ist es wichtig aufzuzeigen, dass nicht alle Erscheinungsformen des Antiziganismus notwendigerweise böswillig sind. Auch wohlmeinenden Motiven können rassistische Vorstellungen zugrunde liegen, was sich häufig in paternalistischen Handlungsansätzen sozialer Projekte zeigt, die teils ebenso davon ausgehen, dass Roma/Romnja fundamental anders wären und daher einer spezifischen Behandlung bedürften. Verantwortliche in Politik oder Behörden ignorieren Antiziganismus häufig so lange wie möglich. Wenn sie Stellung nehmen, wird häufig jede Verantwortlichkeit geleugnet. Bei besonders tragischen Vorfällen wird Empathie und tiefe Betroffenheit ausgedrückt, meist jedoch ohne in der Folge konkrete Maßnahmen gegen Antiziganismus zu setzen.

Maßnahmen gegen Antiziganismus müssen auf das gesamte Spektrum antiziganistischer Positionen gerichtet sein. Für die Bekämpfung des Antiziganismus in Europa ist es dringend notwendig, dass die politisch Verantwortlichen und die Institutionen diese Form des Rassismus in all seinen Erscheinungsformen verstehen und endlich als soziales und politisches Problem ernst nehmen.

Die Allianz gegen Antiziganismus ist ein europaweiter Zusammenschluss von circa 100 Organisationen, die sich für gleichberechtigte Teilhabe für Roma und Sinti einsetzen. Sie unterstützt die vorgeschlagene Arbeitsdefinition und fördert ein gemeinsames kritisches Verständnis von Antiziganismus.

 

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